Im Bauwagen durch Lettland Empfehlung

Mittwoch, 16 August 2017 11:48
geschrieben von Helga Böwadt/ shz.de

Iveta Jürgensen und Rainer Becke erfüllten sich einen Traum und gingen mit Trecker-Geschwindigkeit auf Tour

 

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 DER KLEINE HOLZOFEN BEZIEHT SEINE FRISCHLUFT VON AUSSEN – DAS ÜBERZEUGTE DEN TÜV

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VOLL MIT EINDRÜCKEN UND OHNE PANNE KEHRTEN IVETA JÜRGENSEN UND RAINER BECKE NACH HAUSE ZURÜCK. BÖW                                 OBWOHL NUR ACHT QUADRATMETER ZUR VERFÜGUNG STEHEN, FEHLT ES IM BAUWAGEN AN NICHTS.

HANDEWITT Lettland ist ein wunderschönes Land mit freundlichen Menschen und einer unglaublichen Natur“, schwärmen Iveta Jürgensen (50) und Rainer Becke (64), die gerade nach Hüllerup zurückgekehrt und noch voll von überwältigenden Eindrücken sind. Es war eine Reise zu„Entdeckung der Langsamkeit, denn mit Trecker und Bauwagen brachten sie es nur auf eine Reisegeschwindigkeit von rund 20 Kilometer pro Stunde, bewältigten aber dennoch in drei Wochen eine Strecke von 1661 Kilometern sehr gemächlich und ohne jede Panne. 

 

Schließlich hatten sie sich in anderthalb Jahren von der Idee bis zur Realisierung gut vorbereitet. „Der McCormick D324 von 1957 war der letzte Trecker, der bei uns zu Hause auf dem Hof in Schafflund noch stand“, erklärt der Landmaschinenmechaniker seine Liebe zu dem 24 PS- starken Oldtimer, den er selbst restaurierte. Anschließend überraschte er seine Lebensgefährtin mit der Frage: „Kannst du dir vorstellen, mit einem Bauwagen unterwegs zu sein?“ und erntete sofort ein begeisterteJa. In Hamburg wurde ein Bauwagen erstanden, der bisher in einem Kaffeelager als Büro gedient hatte, und technisch aufgerüstet. „Ich habe den Unterbau mit einer breiteren Achse und einer längeren Zugdeichsel komplett erneuert und ihn tiefergelegt, damit er während der Fahrt nicht so schaukelt“, sagt Rainer Becke. Seine Freundin konnte es kaum erwarten, dem Rohling ihre individuelle Note zu verleihen. Gemeinsam wurde der Innenausbau in Angriff genommen. Eine antike Kommode, ein Weinregal, ein Ofen und ein Kühlschrank fanden auf acht Quadratmetern Platz, und zur alten Spreedecke als Bettüberwurf erzählt Rainer: Sie wurde von Klara Nielsen gehäkelt, der Großmutter meiner verstorbenen Frau Christa. Ein Blickfang ist die große Bilderwand. „Zu jedem Foto oder Kunstwerk gehört eine persönliche Geschichte“, sagt Iveta Jürgensen. „Und den Bauwagen nannten wir zum Schluss nach meiner von mir verehrten Großmutter Rosalia.“

Bevor es nun auf die Reise gehen konnte, wurde nochmals am Trecker Hand angelegt. Da der Beifahrersitz für eine lange Fahrt viel zu hart war, musste eine andere Lösung her. „Meine nagelneue Doppelsitzbank stammt aus dem Prototyp eines Zuges, der nie in Serie ging wir fanden sie an der Müritz“, freut sich Iveta Jürgensen über den bequemen Luxus. Der Tüv habe diese außergewöhnliche Konstruktion anstandslos akzeptiert. 

 

Ziel der Jungfernfahrt waren die leckeren Fischbrötchen in Langballigau, dann folgten weitere Probetouren, bis im Sommer der Startschuss zur großen Fahrt nach Lettland fiel. Die erste Etappe führte bis Travemünde. „Ich habe mit meinen ,Ellunder Nordlichtern’ noch ein Wochenende am Travemünder Shanty-Festival teilgenommen“, sagt Chorleiterin Iveta Jürgensen, doch danach begann auf der Fähre nach Liepaja endlich das Abenteuer Lettland. 

 

Intensive Naturerlebnisse beeindruckten das Paar auf ihrem gesamteWeg durch das landwirtschaftlich geprägte Land. „Man sieht Weißstörche wie bei uns die Spatzen“, berichten beide, denn viele Nester befänden sich auf Strommasten. Begeistert berichten sie auch über den Fluss „Venta“, „dessen breitesten Wasserfall Europas wir gemeinsam durchschritten haben“, und von den vielen Blumenwiesen mit Mohn und Kornblumen am Wegesrand. 

 

„Sobald wir mit unserem Gespann irgendwo auftauchten, kamen die Leute neugierig auf uns zu, wir haben viele Kontakte geknüpft“, berichtet Iveta, und Rainer ergänzt: Dass man mit dem Arbeitsgerät Trecker in den Urlaub fährt, hat viele Einheimische erstaunt.“ 

 

Als östlichsten Punkt ihrer Reise steuerten sie Berzpils an, um auf der Hofstelle von Ivetas Mutter die Familie zu besuchen. „Statt Blumen schenkten wir ihr eine Kuh.“ Wie es dazu kam? Bei ihrer Ankunft erfuhren sie, dass eine der zwei Kühe verendet war, ein herber Verlust für den kleinen Hof. „Doch wir erinnerten uns an Gunther, den wir unterwegs kennengelernt hatten, der eine große Landwirtschaft mit 160 Kühen besitzt“, erzählt Iveta, und so wurde kurzerhand eine Kuh gekauft.

 

Nicht nur in den großen Städten Riga und Jurmala gibt es zahlreiche Hinweise auf Kulturdenkmäler, sondern auch auf dem flachen Land. Selbst kleinere Orte verfügen über Freilichtbühnen. „Wir hatten großes Glück“, erinnern sich die Musikliebhaber, „auf dem Marktplatz von Kuldiga erlebten wir ein klassisches Konzert mit Solisten der Rigaer Oper“. 

 

Gegen Ende der Reise verbrachten sie ein paar Tage an den endlosen Stränden der Ostsee. Wie überall auf den naturbelassenen Campingplätzen konnten sie sich den schönsten Platz suchen und durften auch Feuer machen.

 

             Die gebürtige Lettin Iveta Jürgensen, die vor 23 Jahren ihren inzwischen verstorbenen Mann Hans-Peter aus Hüllerup heiratete,

              freut sich schon auf die nächste Tourmit„Rosalia“, denn: „Ich habe meine Heimat ganz neu kennengelernt.“

             

               Helga Böwadt

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